Thomas Sieger

Thomas 'Sigi' Sieger.

 

Thomas SiegerAls ich seitens des Vorstandes gebeten wurde, einige Zeilen für die neue Homepage zum Besten zu geben, stellte sich für mich natürlich diese brennende Frage, "watt um Herrjotts Willi, soll ich als sogenanntes Greenhorn des Kölner Karnevals denn schreiben, vor allen Dingen in Funktion des Dirigenten der Domstädter!?!" Zuerst schlug man mir vor, ein kleines Traktat über die Geschichte der Kölner Blasmusik zu verfassen, aber da fiel mir ein mit welchem Erfolg und welcher außergewöhnlichen Aufmerksamkeit meine wissenschaftlichen Arbeiten während meines Studiums bedacht wurden. Ich konnte machen was ich wollte, jedes Mal wenn ich eine schriftliche Arbeit abgegeben hatte, bekam der Professor einen roten Kopf und Haarausfall und ich anschließend 'nen Tinitus. Daher begnüge ich mich mit einer Frage, die aber mindestens genauso spannend sein kann: "Wozu soll ein Dirigent denn gut sein?"
Nun gibt es ja diesen netten, oft gehörten Kalauer, was haben ein Kondom und ein Dirigent gemeinsam ? - ohne ist schöner, aber mit ist sicherer.
Der geneigte Leser weiß vielleicht aus eigener Erfahrung, dass man als Musiker gerade in der heißen Phase des Karnevals oft in die Situation kommt, in einen fremden Saal einzumarschieren, ohne sich im Vorfeld einen Eindruck verschaffen zu können ob der akustischen Begebenheiten des Raumes. Anhand eines Beispiels werde ich diese Problematik verdeutlichen.

Die Domstädter haben um 20:00 Uhr einen Auftritt in einem Ballsaal, einem großen, über 1000 Personen fassenden festlich geschmückten Raum. Die Bühne ist ebenso großzügig bemessen und hat einen gummibeschichteten Holzboden. Ein weiteres Charakteristikum sind die hohen Wände. Et jeht los! "Am Dom zu Kö-lle, zu Kölle am Rhing". Die Domstädter marschieren ein, das Publikum erhebt sich. Auf der Bühne wird den Musikern klar: die Stimmung is joht! Während der Präsentation des Karnevalsmedleys merken die Protagonisten, wie in der guten Akustik des Saales ihr Orchesterklang ungemein an Fülle gewinnt. Zudem kann jeder seine eigene Stimme gut hören, leider bekommt man selber aber die Kollegen in der zweiten und dritten Reihe nicht so richtig mit- ejahl, et hät noch immer joht jejange. Man spielt sich in einen Rausch, ohne zu merken, dass das Publikum zwar sehr angetan von dem enthusiastischen Vortrag der Kapelle ist, aber kurzeitig wegen der erreichten Dezibelzahl um seine Unversehrtheit fürchtet. Der Auftritt ist beendet, das Publikum spendet großen Beifall. "Heidewitzka....." die Musik marschiert in Richtung Theke. Anschließend ergreift der Präsident das Wort: "Das waren die Domstädter, Sie können Ihre Ohrenschützer wieder abnehmen, denn nun kommt ein echtes Highlight des Kölner Karnevals."
Der nächste Auftritt um 21:00 Uhr ist in einem Kölner Gemeindezentrum, ein kleiner, niedriger Raum, extrem kleine Bühne und mit ca. 250 Gästen. Hinzu kommt, dass der Raum mit einem allesschluckenden Industrieteppich ausgelegt ist, selbst auf der Bühne. Sozusagen das typische Hauptschulaulaambiente! Das Orchester marschiert ein, das Publikum erhebt sich in freudiger Erwartung, dass sich nun die Stimmung ändert, die vorher sagen wir mal sehr distinguiert war. Nach einiger Zeit des Sortierens auf der auf Bierdeckelgröße reduzierten Bühne, beginnt der Vortrag. Jeder Musiker auf der Bühne fühlt sich hundeelend, man hört zwar alle anderen Musiker, oft mehr als einem lieb ist, nur sich selber nicht oder nur mit allergrößten Anstrengungen (roter Kopf, etc.). Außerdem scheint es , dass der Ton unmittelbar nach Verlassen des Instrumentes sich in nichts auflöst. Die große Unsicherheit macht sich breit. Das Publikum kann nicht so richtig in den Bann gezogen werden und widmet sich wieder den Gesprächen am Tisch. Am Ende des Showacts sind alle froh, es irgendwie überstanden zu haben. Es gibt aufmunternden Applaus, das Orchester begibt sich schnurstracks in Richtung Theke. Der Präsident ergreift das Wort: "Das waren die Domstädter mit ihrem neuen Programm, man wird Sie noch oft im Karneval hören. Nun aber aufgepasst, wir verlesen nun die Gewinner unserer Tombola!"
Zur meiner Ehrenrettung muss ich erwähnen, dass die Situationen und die ihnen zugeordneten Räumlichkeiten rein zufällig so kombiniert wurden. Ich werde mich hüten zu behaupten, in Kölner Vororten wüsste man nicht wie man Fastelovend fiere dät!
Aber ich glaube, anhand dieser Beispiele wird die angesprochene Problematik deutlich. In vielen Fällen hat man als agierender Musiker keine Kontrolle über die Tücken der Örtlichkeit, vor allen Dingen nicht, wenn man keine Anspielprobe zur Verfügung hatte. Nur ein permanent vor dem Orchester stehender Dirigent hat die Möglichkeit, durch Zeichen, sofern diese der Musiker kennt und umzusetzen weiß, z.B. die Dynamik entsprechend der Situation zu korrigieren. Er ist der Einzige der Truppe, der den Gesamtsound hört und diesen, sozusagen mit links, an das Optimum, falls erforderlich, führen kann. Ferner kann er dem Musiker durch das Geben schwieriger Einsätze Sicherheit vermitteln und durch eine klare Tempo- und Metronomangabe mit der rechten Hand selbst in den unmöglichsten akustischen Momenten angeben, wo man sich gerade im musikalischen Kontext befindet. Bei aller Show sind also viele Bewegungen konkrete Anleitungen und Hilfen, die jeder Musiker, sofern es ihm nichts ausmacht generell unter einem Dirigenten zu stehen, mit Dank annimmt.
Soviel zu den technischen Möglichkeiten, aber auch auf einem weiteren Feld ist ein Dirigent von "Nutzen".
In vielen Kritiken von außergewöhnlichen Konzerten kommen immer wieder die gleichen Sätze: "Sie spielten, wie aus einem Guss...", "vor dem geistigen Auge entstanden großartige Bilder...", "das Orchester zog alle in seinen Bann...", "als Zuhörer konnte man förmlich die Angst/ Freude/ Spannung am eigenen Leibe spüren..."!
Ein größeres Laien-Ensemble besteht aus vielen mehr oder weniger Individualisten. Jeder würde die vorher genannten Emotionen für sich anders darstellen aber in den meisten Fällen divergieren diese Bilder nicht allzu stark. Doch die individuellen Nuancen lassen das Bild unscharf erscheinen und somit nicht eindeutig vom Zuhörer definieren. Als Dirigent oktruiert man im Grunde genommen sein eigenes Bild auf alle Musiker. Die emotionale Aussage wird eindeutiger. Allerdings liegt es aber nun auch an der Fähigkeit des Dirigenten, die Vielschichtigkeit der einzelnen Individualisten in seine Aussage aufzunehmen, um ein möglichst komplexes Bild zu liefern. Dadurch potenziert sich die Intensität der Aussage und noch mehr Menschen aus dem Publikum, welches natürlich auch aus Individuen besteht, werden zu ähnlichen Gefühlen geführt. Kurioserweise erleichtert diese emotionale Übereinstimmung das oft anstrengende Einstudieren technischer Passagen oder das nervtötende Lösen von intonatorischen Problemen, da diese Unzulänglichkeiten dann als Eintrübung der emotionalen Verschmelzung angesehen wird. Als Außenstehender meint man, alle Instrumentalisten begreifen das Werk auf dieselbe Art und Weise und wundert sich, dass Laienmusiker so stark über deren Niveau spielen können. Aus Erfahrung weiß ich, dass das oft dann auf das Publikum übergreift und einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Ich sage deswegen aus meiner Erfahrung, dass es keine messbaren Indikatoren für gemeinsam Gefühltes und vom Publikum Aufgenommenes gibt, ohne dass man bei der Erklärung auf eine zweifelhafte esoterische Schiene kommt.
So Schluss und aus mit dem Jeschwade!
Aber ich glaube, dass die Kombination der oben genannten Aspekte und ganz wichtig: die Freude an der Musik, der Hunger nach Neuem und Veränderung, unter Wahrung von Tradition und lokalem Kulturgut, sowie der starke Leistungswille der Domstädter uns eine Session beschert hat, wie sie sich nun darstellt.
Um 20:00 Uhr marschieren die Domstädter mit ihrem Traditionsmarsch in den großen, festlich geschmückten und ausverkauften Sartory-Saal ein. Das Publikum erhebt sich in freudiger Erwartung. Majestätisch eröffnen die Domstädter ihr Bühnenprogramm und wenig später klatscht, singt und tanzt das ganze Publikum zu der Musik der Domstädter. Zur Überraschung der Zuhörer war das noch nicht alles, nein, nun kommen noch Dudelsäcke und weitere Trommeln in den Saal. Gemeinsam werden nun die ultimativen Unter-Die-Haut-Geh-Stücke gespielt: Amazing Grace, Highland Cathedral und Old Long Sign. Es folgt frenetischer Beifall, einige Zuhörer haben große Mühe ihre Rührung zu verbergen. Natürlich wird noch eine Zugabe gegeben, aber wirklich nur eine, denn wir haben es etwas eilig! Daher wird auch der Gang zur Theke gestrichen und durch das Aufsitzen auf die Busse ersetzt. Der Präsident hat seine liebe Müh aufgrund des noch anhaltenden Applauses sich Gehör zu verschaffen: "Meine Damen und Herren, was für ein Auftritt! Sie hörten die Domstädter, das neue Highlight des Kölner Karnevals!